Neurodiversität – Begriff und Bewegung
Neurodiversität heißt: Menschliche Gehirne arbeiten verschieden. Diese Vielfalt gehört zum Menschsein – so wie die Vielfalt von Körpern, Sprachen und Lebensweisen.
Die Begriffe
- Neurodiversität
- Die Vielfalt aller menschlichen Gehirne. Sie betrifft alle Menschen, nicht nur einige.
- Neurodivergent
- Menschen, deren Gehirn deutlich anders arbeitet als bei der Mehrheit – zum Beispiel autistische Menschen und Menschen mit ADHS. Der Begriff ist nicht fest abgegrenzt. Ob sich jemand als neurodivergent beschreibt, entscheidet jede Person selbst.
- Neurotypisch
- Menschen ohne eine solche Besonderheit.
- Neurodiversitäts-Bewegung
- Menschen, die sich dafür einsetzen, dass neurodivergente Menschen als gleichwertig anerkannt werden und die Unterstützung bekommen, die sie brauchen.
Woher der Begriff kommt
Der Gedanke ist in den 1990er-Jahren in Gemeinschaften autistischer Menschen im Internet entstanden. Gedruckt erschienen die Wörter „neurological diversity“ und „neurodiversity“ zuerst 1997 und 1998 in Texten des Journalisten Harvey Blume, der sie diesen Gemeinschaften zuschrieb. Die Soziologin Judy Singer schrieb 1998 eine Abschlussarbeit über die Bewegung. Autistische Forschende betonen, dass das Konzept gemeinsam entwickelt wurde und nicht von einer einzelnen Person stammt (Botha und andere, 2024).
Was die Bewegung will
- Barrieren abbauen statt Menschen „normal“ machen. Das entspricht dem Verständnis von Behinderung in der UN-Behindertenrechtskonvention und im deutschen Recht: Behinderung entsteht in Wechselwirkung mit Barrieren (Art. 1 UN-BRK, § 2 Abs. 1 SGB IX).
- Unterstützung ja – Anpassung um jeden Preis nein. Hilfe soll Lebensqualität und Selbstbestimmung stärken.
- Nichts über uns ohne uns. Neurodivergente Menschen sprechen für sich selbst. Selbstvertretung
Vielfalt und Unterstützungsbedarf
Neurodiversität heißt nicht, dass alles leicht ist. Viele neurodivergente Menschen brauchen Unterstützung, manche sehr viel. Beides gehört zusammen: die Vielfalt anerkennen und die nötige Unterstützung sichern. Ein Anspruch auf Leistungen hängt nicht von einem Begriff ab, sondern davon, wie stark die Teilhabe beeinträchtigt ist. Rechte und Nachteilsausgleiche
Keine Diagnose
Neurodiversität und neurodivergent sind keine medizinischen Diagnosen. Diagnosen wie Autismus (ICD-11, 6A02) oder ADHS (6A05) bleiben wichtig, etwa für Anträge. Wir verwenden beide Sprachen – jede an ihrem Platz. Wie wir über Autismus sprechen
Quellen
- Botha, Monique; Chapman, Robert; Giwa Onaiwu, Morénike; Kapp, Steven K.; Stannard Ashley, Abs; Walker, Nick (2024): The neurodiversity concept was developed collectively: An overdue correction on the origins of neurodiversity theory. In: Autism, Band 28, Heft 6, S. 1591–1594. doi.org/10.1177/13623613241237871 (externe Seite)
- Weltgesundheitsorganisation (WHO): ICD-11 für Mortalitäts- und Morbiditätsstatistiken, Version 2026-01, Eintrag 6A05 „Attention deficit hyperactivity disorder“ mit den Unterformen 6A05.0 bis 6A05.Z. ICD-11-Browser der WHO, Eintrag 6A05 (externe Seite)
- WHO: ICD-11, Version 2026-01, Eintrag 6A02 „Autism spectrum disorder“. ICD-11-Browser der WHO, Eintrag 6A02 (externe Seite)
- Gesetze und Verordnungen des Bundes im Wortlaut: gesetze-im-internet.de (externe Seite) (Bundesministerium der Justiz).
Rechtsstand: Den Wortlaut der genannten Vorschriften haben wir am 20. Oktober 2026 geprüft (Bundesrecht in der amtlichen Fassung auf gesetze-im-internet.de, EU-Recht und UN-Behindertenrechtskonvention im Amtsblatt der Europäischen Union). Gesetze können sich seitdem geändert haben.